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Künstlerische Intervention 2017

Raum für künstlerische Intervention im Kunsthistorischen Museum 2017

Carola Willbrand, HimmelsHöllenKleid, 2017

Carola Willbrand geb. 1952, „Nähmethodikerin“, lebt und arbeitet nahe Köln, aufgewachsen mit der Kunst aus dem Umfeld der Rheinischen Expressionistinnen ihrer Tante, Käthe Schmitz-Imhoff (Schwester ihres Vaters), die erste Frau, die bei Heinrich Nauen an der Düsseldorfer Akademie studierte. Ausstellungstätigkeit seit 1981, in denen der Faden als Metapher für den Lebensfaden auf unterschiedlichsten Materialien das tragende Element bildet.


Im Kunsthistorischen Museum steht seit 2003 ein Raum für künstlerische Interventionen zur Verfügung. Ein Portal trennt die alte von aktueller Kunst. Man durchschreitet sozusagen in einer Sekunde etwa 200 Jahre. Dadurch kann erleb- und spürbar werden, wie sehr sich das Stift Admont mit der Kunst der Gegenwart identifiziert, wie es diese mit der Kunst vergangener Epochen in einen vitalen Dialog bringt. 2017 ist der Raum für künstlerische Intervention unter dem Titel „HimmelsHöllenKleid“ von Carola Willbrand gestaltet. Eine Glockenkasel schwebt ähnlich einem Zelt im Raum. Sie hängt auf einem Paramentenbügel für die museale Präsentation liturgischer Textilien. Das Material ist handgeschöpftes Papier aus getragenen Textilien der Künstlerin. Über das Papier bewegt sich ein Totentanz. Diese Zeichnungen sind mit der Hand genäht. Der Tod begleitet all die NäherInnen und StickerInnen, der MenschenGewänder, der Tod begleitet die Weltreisen der Textilien seit der Entdeckung der Seestraßen nach Asien Anfang des 15. Jahrhunderts. So wurden Muster, Blumen, Tiere aus China in die europäischen liturgischen Stoffe eingearbeitet. Heute kleiden wir uns mit Billigtextilien aus Asien, die unter unmenschlichen, tödlichen Bedingungen hergestellt werden.

Dieses ‚HimmelsHöllenKleid‘ ist umgehbar. Die Nähzeichnungen mit ihrer Verschiedenfarbigkeit des Ober- und Unterfadens sind sowohl von außen als auch von innen sichtbar. Dieses Kleid, das auch ein Zelt ist, das Himmelszelt als Schöpfungsbild, bezieht sich auf die historischen liturgischen Textilien im Benediktinerstift Admont. Der Totentanz ist eine Reaktion auf die neue Gotik-Ausstellung im Stift Admont. Die einzelnen handgeschöpften Papiere sind einem Leporello ähnlich zusammenfaltbar. Das Leporello als Mittel ein Künstlerbuch raumfüllend skulptural zu gestalten, das beschäftigt Carola Willbrand schon lange. Die Anbringung von speziellen Textausschnitten als FadenLese an der Wand entwickelte Carola Willbrand spontan vor Ort – ebenso durch den Einfluss der neuen Gotik-Ausstellung. Die Schrift bezieht sich auf die Textura, die gotische Schrift, die auch Gitterschrift genannt wird. Die Schrift und die Textauswahl verweisen auf die Bedeutung und Wirkung unserer historischen Wurzeln auf die Jetztzeit.

 

Chronologie der Künstlerischen Interventionen (kuratiert von Michael Braunsteiner):

Franz Graf (2003), Ingeborg Strobl (2004), Markus Wilfling (2005), Norbert Trummer (2006), Thomas Baumann und Martin Kaltner (2007), Stefan Emmelmann (2008), Wilhelm Scherübl (2009), Werner Reiterer (2010), Karl Leitgeb (2011), Hannelore Demel-Lerchster (2012), Emil Siemeister (2013/14), Götz Bury (2015/16), Carola Willbrand (2017)

2003 Franz Graf, Ohne Titel                                                                                                                            

Ziel seiner Arbeit war es, der „Stille vergangener Welten“ nachzuspüren, die „tiefe Konzentration und stille Meditation“ der mittelalterlichen Mönche in ihrer Schreibstube wieder spürbar zu machen. Gefundene Objekte aus seinen Erkundungstouren im Depot sowie in Ecken und Winkeln des Benediktinerstiftes Admont stellte er in Verbindung zu gemalten Wandschriften und seinem mitgebrachten Raben – als Platzhalter an der Wand.

2004 Ingeborg Strobl, Natur

Ein Kooperationsprojekt mit einer Klasse der HS Admont (Wandzeichnungen zu barocken Gemälden). Der Heilige Geist schwebte als Gestalt einer Taube über unterschiedlich beurteilbaren, wahrnehmbaren Tierabbildungen. Die Taube als Symbol des Friedens – das Tier als Träger einer Botschaft sowie als Teil der Schöpfung.

2005 Markus Wilfling … her und hin und … 1 Video + Skulptur, Kamera: Krisztina Kerekes

Konzeptueller Hintergrund ist eine Bewusstmachung der starken aktuellen Aktivitäten des Stiftes Admont im Bereich Gegenwartskunst in Kommunikation mit den historischen Exponaten aus früheren kulturellen „Hoch“-Zeiten des Klosters im Mittelalter und im Barock. Eine Videoarbeit „holt“ Teile des normalerweise nicht sichtbaren Kunstdepots mitten in das Museum.

2006 Norbert Trummer, Ausgestopfte Tiere – bewegen sich

Zeichnungen und Trickfilm. Ausgestopfte Tiere der Naturhistorischen Sammlung des Stiftes unter detailreicher Beobachtung im zeichnerischen Prozess.

2007 Thomas Baumann und Martin Kaltner, Laufding

Videoinstallation. Weggeworfene Gegenstände wurden aus dem alltäglichen Entsorgungssystem extrahiert und über die Konfrontation mit dem musealen Kontext der kunst- und naturhistorischen Sammlung des Stiftes Admont in ihrer Wertigkeit hinterfragt. Der „Lauf der Dinge“ (Fließband-Video) wurde auf einer übergeordneten Meta-Ebene als ein in der Welt und des Universums immanentes Prinzip beschrieben.

2008 Stefan Emmelmann, Ephemer und Ewig

Wahrnehmungsbilder zum Thema Wort, Schrift, Bibliothek mit besonderer Beziehung zum Jahresthema „Fokus Bibliothek“.

2009 Wilhelm Scherübl, Der Schatten der Sonne

Ein Erfahrungs- und Reflexionsraum von Prozessen und Strukturen des Natürlichen – von Repräsentanten seiner künstlerischen Recherchen in und mit der Natur: ein schwarz-weißes Muster an den Wänden, getrocknetes Pflanzenmaterial in Stoffsäcken, ENNS als kühl-leuchtender Schriftzug, historische Bücher, Videoloops – Wasser, Energie, Licht, Materie, Zeit, Wind, Bewegung. Das Werden und Vergehen als komplexe Form ständiger Erneuerung. Die Installation beruht auf mannigfaltige Beziehungen zum Stift Admont und zu seiner Umgebung, zur naturhistorischen Sammlung und der Bibliothek als Wissensspeicher.

2010 Werner Reiterer, Studie über Fliegenpilz (2003)

Interaktive Skulptur als Teil von „Play Admont“. Ein Fliegenpilz mit Ping-Pong-Bällen gefüllt, die beim Erscheinen der Besucher in die Luft geschleudert wurden und zur Interaktion animierten: aufheben oder liegenlassen.

2011 Karl Leitgeb, Admonter Madonna                                                                                                    

Multimediale Intervention zur Situation der Abwesenheit/der Absenz der „Admonter Madonna“. Eine künstlerisch wertlose Madonnenstatue aus neuerer Zeit und ein altes Tonbandgerät als Attribut, durch das ein Endlosband lief: als einerseits sich ständig verändernde Skulptur, anderseits als Tonträger für die akustische Bemühung um Stille –Silentium! Ein Video dokumentierte diese mehrschichtig interpretierbare Arbeit.

2012 Hannelore Demel-Lerchster, Golden Delicious

Aus Äpfeln geschnitzte Portraits. Die unterschiedlichen Apfelköpfe nahmen Bezug auf die Wachsfrüchtesammlung im Naturhistorischen Museum. Die zahlreichen, an Fäden im Raum frei hängenden Apfelköpfe alterten im Laufe der Ausstellung. Damit wurde deutlich, wie der Verlust des „Lebenssaftes“ im Laufe der Zeit zu massiven Veränderungen der äußeren Erscheinungen führt. Größe, Form, Farbe und Geruch müssen sich dem Alterungsprozess beugen: Diskrepanz zwischen Jungend und Alter, zwischen glatt und runzlig, Leben und Tod.

2013 + 2014 Emil Siemeister, The Placebo Macclesfield Psalter                                                  

Ein hinterleuchtetes Raumfries garantierte einen außergewöhnlichen Wahrnehmungstrip im hellwachem Zustand. Das Rohmaterial für diese speziellen Transformationen stammen aus dem „Macclesfield Psalter“ (Illuminierte Handschrift, 14. Jhdt, Sammlung Fitzwilliam Museum, Uni Cambridge). 2016 wurde diese Installation mit denselben Admonter Raum-Proportionen anlässlich des zweihundertjährigen Bestehens des Fitzwilliam Museum in Cambridge gezeigt: 1:1 Transfer von Raum und Kunst.

2015 + 2016 Götz Bury, Galadiner

Das trashig-prunkvolle Speisezimmer besteht aus Teilen/Objekten, die unter Verwendung von Wegwerfartikeln, alten Bestecken, Küchen- und Haushaltsgeräten, ausrangierten Waschmaschinentrommeln und Küchenspülenblechen kreiert wurden. Auf humorvoll-kritische Art kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema Recycling, Schnelllebigkeit, Wegwerf-Reflex und Neubestimmung. Unmissverständliche Zitate auf die liturgischen Geräte in der Schatzkammer verweisen auf einen spezifischen Sammlungsteil des Stiftes Admont. Sein „Gut leben ohne nix“ durchdringt den ganzen Raum und repräsentiert Götz Bury als engagierten Koch-Performer.

2017 Carola Willbrand, HimmelsHöllenKleid – siehe oben!

 

Zu den weiteren aktuellen Ausstellungen:

Museum für Gegenwartskunst  2017 „20 Jahre Sammlung Gegenwartskunst . OPEN THE LINK“

Gotik-Ausstellung: „DEM HIMMEL NAHE -Sammlung Mayer“

Jenseits des Sehens

HP Admont . Austellung Jenseits des Sehens mit Personen.jpg
Spezialsammlung „JENSEITS DES SEHENS – Kunst verbindet Blinde und Sehende“
HP Admont.Jenseits.Reiterer
Werner Reiterer, Ohne Titel, 2002/03

Diese Spezialsammlung ist ein eigenständiges Sammlungs-Modul innerhalb der Sammlung Gegenwartskunst. Sie umfasst derzeit 27 zeitgenössische Kunstwerke, die für Blinde und Sehende gleichermaßen zugänglich sind. Seit 2002 werden ausgewählte Künstlerinnen und Künstler damit beauftragt. Als Zugang zu dieser speziellen Themenstellung setzen sie sich auf unterschiedliche Art und Weise mit Blind-Sein bzw. Sehbeeinträchtigung auseinander. Im Dialog mit Betroffenen versuchen sie, diese Wahrnehmungswelt zu erkunden – und damit meist die eigene Wahrnehmung, das eigene körperliche Navigationssystem sowie die jeweils eigene künstlerische Produktion zu reflektieren.

Aus diesem Prozess entstanden Kunstwerke, die mehrsinnlich erkundbar und erfahrbar sind – unmittelbar. Das Spektrum reicht von einfachen skulpturalen über hochkomplexe multimediale Werke bis zu Arbeiten, die sich nur über den Dialog zwischen Blinden und Sehenden erschließen.

HP Admont.Jenseits.Moskau1LW.P1210783
Ausstellung in Winzavod, Moskau, 2013/14

Die Sammlung ist als proaktives Angebot konzipiert, blinde Menschen zum Diskurs über zeitgenössische Kunst einzuladen, zwischen Blinden und Sehenden einen grenzerweiternden Prozess des ART SHARINGs und des SPACE SHARINGs anzuregen. Die Sammlung bietet die Möglichkeit für die Begegnung unterschiedlicher Welten, für deren Austausch hin zu einer wechselseitigen Bereicherung. Ein gemeinsamer Raum im Miteinander kann sich entwickeln. Sehende finden spielerisch ungewöhnliche Zugänge zur Kunst sowie zu verschiedenen Wahrnehmungsstilen und Wahrnehmungswelten. Die Sammlung thematisiert außerdem die sinnliche Erfahrungsqualität als eigene Kunstkategorie, als eigenen künstlerischen Wert. Durch dieses in ganz Europa einmalige Kunstprojekt wird ein neuer Zugang zu zeitgenössischer Kunst ermöglicht.

Norbert Trummer, Bluesbox, 2012

2012 wurde „JENSEITS DES SEHENS – Kunst verbindet Blinde und Sehende“ erstmals hier im Museum des Stiftes Admont der Öffentlichkeit präsentiert – anlässlich ihres 10jährigen Bestehens. 2013/14 wurde die Sammlung im Zentrum Zeitgenösssicher Kunst Winzavod in Moskau zur Diskussion gestellt, mit durchgehend positiven Reaktionen und nachhaltigen Effekten vor Ort.

Karl Leitgeb, Lev Termens Converter, 2013

Der Sammlungsaufbau sowie die Präsentation wurden wissenschaftlich begleitet und multimedial dokumentiert. Ein mehrjährig angelegtes Film-Projekt begleitet den Prozess der Rezeption. Gemeinsam mit Blinden und Sehenden wurde bis jetzt ein umfangreiches Know-how gewonnen und neuartige Ansätze in der Vermittlung und Rezeption entwickelt.
Für die nächsten Jahre sind mögliche Präsentationsorte aktiv im Gespräch.

Michael Braunsteiner, Kurator
Barbara Eisner-B, Coach | wissenschaftliche Begleitung | Dokumentation | Film-Projekt

Mit Werken von:
Thomas Baumann, Wolfgang Becksteiner, Adi Brunner, Hannelore Demel-Lerchster, Johannes Deutsch, Manfred Erjautz, Heribert Friedl, Matthias Gommel, Michael Gumhold, Stefan Gyurko, Maria Hahnenkamp, Julie Hayward, Tomas Hoke, Anna Jermolaewa, Karl Karner, Michael Kienzer, Karl Leitgeb, Michael Maier, David Moises, Werner Reiterer, Constanze Ruhm, Emil Siemeister, Gustav Troger, Norbert Trummer, Martin Walde, Hans Winkler, Fabio Zolly.

 

Fotogalerie Jenseits des Sehens
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Ausstellungskatalog JENSEITS DES SEHENS 2012

Homepage „Jenseits des Sehens – Kunst verbindet Blinde und Sehende“