Herr der Fliegen - Milan Chvála
Seine Leidenschaft für Insekten hat der 1936 in Prag geborene Entomologe mit Forschungsschwerpunkt Dipterologie bereits im Knabenalter entdeckt. Aus einer anfänglichen Begeisterung für Schmetterlinge entwickelte sich sein Interesse für Fliegen, das in bislang über 200 wissenschaftlichen Publikationen seinen Niederschlag gefunden hat.
Erste Kontakte des heute emeritierten Professors der Prager Karlsuniversität mit Admont reichen in das Jahr 1964 zurück und sind eng mit der Person des vormaligen Kustos der naturwissenschaftlichen Sammlung Günter Morge verknüpft. Chválas damalige Beschäftigung mit vorwiegend im Gebirge vorkommenden Fliegen ließ ein Studium der Stroblschen Sammlung unumgänglich erscheinen. Neben einzelnen postalischen Lieferungen erinnert sich der Dipterologe an Treffen am Prager Bahnhof, wo ihm Morge das zu Studienzwecken benötigte Material persönlich übergab. Seine Gegnerschaft zum Kommunismus verhinderte damals einen weiteren Aufstieg in der universitären Hierarchie, sodass er bis zum Fall des kommunistischen Regimes die Position eines Assistenten bekleidete.
Er blickt dennoch, wenn er von den Mobilitätseinschränkungen hinsichtlich Reisen ins westliche Ausland absieht, auf Jahre zurück, in denen er sich, unbelastet von administrativen Zwängen, in Ruhe seiner Forschung widmen konnte. Im Jahr 1995 war es ihm dann erstmals möglich, persönlich nach Admont zu kommen. Seit 2002 verbringt er, unterstützt von seiner Frau, einer pensionierten Ärztin, regelmäßig Zeit im Naturhistorischen Museum des Stiftes, wobei er sich in den letzten Jahren sehr stark um die Neuordnung der Stroblschen Dipteriensammlung verdient gemacht hat, die, wie man nunmehr gesichert weiß, an die 50.000 Exemplare umfasst. Die von P. Gabriel Strobl aufgebaute Kollektion entstand zwischen den Jahren 1887 und 1910, in denen der Benediktinermönch intensiven dipterologischen Studien nachging.
Seine frühe Sammlungstätigkeit erstreckte sich über das niederösterreichische Mostviertel, wenig später konzentrierten sich seine Aktivitäten auf die Umgebung von Admont, umfassten aber auch andere, in der damaligen Steiermark gelegenen Orte. Ausgedehnte Forschungsreisen, die ihn mehrfach über die Grenzen des heutigen Österreichs hinaus nach Spanien und auch in die ehemaligen Balkanländer führten, trugen zur sukzessiven Erweiterung des Bestands bei.
Das ursprünglich in fünf unterschiedliche Sammlungen unterteilte dipterologische Material wurde in den fünf Jahren zusammengeführt, in mühsamer Kleinarbeit restauriert und nach aktuellen wissenschaftlichen Kriterien geordnet und konserviert. Die sorgfältige Revision der Sammlung, mit der Chvála nicht zuletzt auch ein langjähriges Desiderat der Forschung eingelöst hat, ist in eine umfangreiche Publikation eingeflossen. Das jüngst in der renommierten Studia dipterologica-Reihe erschienene Werk bietet externen Wissenschaftlern erstmals die Gelegenheit, sich einen vollständigen Überblick über die von Strobl beschriebenen Arten zu verschaffen, würdigt aber auch in einer breit angelegten Einleitung die naturwissenschaftlichen Leistungen der Admonter Benediktiner.
Die nunmehr in sieben Schränken mit jeweils zwanzig Kästen untergebrachte Kollektion selbst, die mit so namhaften Fliegensammlungen wie denen in Oxford oder Lund verglichen werden kann und der damit eine weltweite Bedeutung zukommt, wird der Besucher im Naturhistorischen Museum vergeblich suchen. Für den flüchtigen Betrachter hält sich ihr Schauwert aber nicht zuletzt aufgrund der Kleinheit der einzelnen Exemplare ohnedies in Grenzen und dem Nicht-Dipterologen mag es auch schwer fallen, ihren wahren Wert zu ermessen. In den Schränken der naturkundlichen Sammlung vor Ort warten als nächstes die Hymenopteren auf Chvála. Als passionierter Dipterologe liebt er, wie er gesteht, diese Gruppe zwar nicht, aber auch hier muss, so spricht jedenfalls der Wissenschaftler aus ihm, „Ordnung geschaffen werden“. Seine Frau, die ihn seit ihrer eigenen Pensionierung tatkräftig unterstützt, hat sich augenzwinkernd damit abgefunden, dass sich in ihrem Leben mit Milan alles um die Fliegen dreht.